Ein Überlebender aus einer längst vergangenen Pflanzenwelt

Der Ginkgo (Ginkgo biloba) nimmt im Pflanzenreich eine außergewöhnliche Stellung ein. Fossilien verwandter Ginkgo-Gewächse reichen weit in die Erdgeschichte zurück, doch heute ist Ginkgo biloba der einzige lebende Vertreter seiner Gattung, Familie und Ordnung. Kew bezeichnet ihn deshalb als „living fossil“, also als lebendes Fossil.

Seine charakteristischen fächerförmigen Blätter machen den Baum leicht erkennbar. Im Herbst verfärben sie sich leuchtend gelb, bevor sie abfallen. Der Artname biloba verweist auf die häufig zweigeteilte Form der Blattspreite.

Hat der Ginkgo wirklich die Dinosaurier überlebt?

Der heute lebende Ginkgo stand natürlich nicht persönlich neben einem Dinosaurier. Seine Verwandtschaftslinie ist jedoch uralt. Fossilien ginkgoartiger Pflanzen sind bereits aus dem Erdmittelalter bekannt und damit aus einer Zeit, in der Dinosaurier die Erde bevölkerten.

Von dieser einst vielfältigeren Pflanzengruppe ist heute nur noch Ginkgo biloba übrig. Dadurch ist der Baum nicht einfach nur eine alte Pflanzenart, sondern der letzte lebende Vertreter eines ganzen Zweiges der Pflanzenentwicklung.

Warum gibt es männliche und weibliche Ginkgos?

Ginkgos sind zweihäusig. Das bedeutet, dass männliche und weibliche Fortpflanzungsorgane auf unterschiedlichen Bäumen vorkommen. Erst nach vielen Jahren erreichen die Bäume ihre Fortpflanzungsreife. Kew nennt dafür einen Zeitraum von ungefähr 20 bis 35 Jahren.

Weibliche Bäume bilden nach erfolgreicher Befruchtung Samen mit einer fleischigen äußeren Schicht. Wenn diese zu Boden fällt und sich zersetzt, kann sie einen ausgesprochen unangenehmen Geruch entwickeln. Aus diesem Grund werden für Straßen und öffentliche Anlagen häufig männliche Ginkgos bevorzugt.

Was verbindet Goethe mit dem Ginkgo?

Der Ginkgo wurde auch Teil deutscher Literaturgeschichte. Johann Wolfgang von Goethe beschäftigte sich mit der ungewöhnlichen Form des Blattes und griff sie 1815 in seinem Gedicht „Ginkgo biloba“ auf.

Dabei faszinierte ihn besonders die Frage, ob das Blatt aus zwei miteinander verbundenen Teilen besteht oder ein Ganzes ist, das sich in zwei Teile gliedert. Das Ginkgoblatt wurde für ihn damit zum Sinnbild von Einheit und Zweiheit.

Im September 1815 schickte Goethe Marianne von Willemer ein Ginkgoblatt. Mit seinem Gedicht „Ginkgo biloba“ griff er die besondere Form des Blattes auf. Unter dem handschriftlichen Gedicht befestigte er später sogar zwei gekreuzte Ginkgoblätter.

Ein Baum mit jahrtausendealter Kulturgeschichte

Der Ginkgo wird in Ostasien seit langer Zeit kultiviert und traditionell auch in Tempelgärten gepflanzt. Diese menschliche Kultivierung ist für seine Geschichte besonders wichtig, denn bei manchen alten Beständen in China ist heute nicht eindeutig feststellbar, ob sie tatsächlich wild sind oder von früher kultivierten Bäumen abstammen.

Heute wächst der Ginkgo weit über seine ursprüngliche Heimat hinaus. Er wurde weltweit als Zier- und Stadtbaum angepflanzt und ist damit ausgerechnet als letzter Vertreter einer uralten Pflanzengruppe zu einem international verbreiteten Baum geworden.

Wie alt kann ein Ginkgo werden?

Nicht nur seine Entwicklungsgeschichte reicht weit zurück. Auch einzelne Ginkgobäume können ein beeindruckendes Alter erreichen. Kew berichtet von dokumentierten Exemplaren mit einem Alter von bis zu etwa 3.500 Jahren.

Auch in Europa stehen bereits bemerkenswert alte Exemplare. Einer der historischen Ginkgos in den Royal Botanic Gardens, Kew gehört zu den sogenannten „Old Lions“ des Gartens. Er wurde bereits 1762 gepflanzt und wächst dort bis heute.